Kinder- und Jugendärzte fordern Betriebsärzte auch für Schulen / Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin will Schulsprechstunden flächendeckend einführen


Donnerstag, 04.12.2008

Recklinghausen (ots) - Kinder- und Jugendärzte machen mobil: Wie
in Unternehmen und Betrieben, so müssten auch in Schulen umgehend und
flächendeckend betriebsmedizinische Angebote eingeführt werden.
Gerade im zunehmend ganztägigen Arbeits- und Lebensraum Schule sei es
heute am besten möglich, der steigenden Anzahl auffälliger,
lernschwacher oder gesundheitlich beeinträchtigter Kinder und
Jugendliche systematisch und noch frühzeitig genug auf die Spur zu
kommen.

Doch Schulärzte sind Mangelware und Schulsprechstunden von Ärzten
immer noch die große Ausnahme, bemängelt Dr. Ulrike Horacek, Leiterin
des kinder- und Jugendärztlichen Dienstes im Gesundheitsamt
Recklinghausen und Vorstandsmitglied der Deutschern Gesellschaft für
Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ). Am Beispiel der
Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) macht die
Kinder- und Jugendärztin das Dilemma deutlich: So ist es zum Beispiel
für den Umgang mit dem Störungsbild ADHS außerordentlich wichtig,
speziell bei den Lehrern ein Grundverständnis für die Erkrankung zu
entwickeln. Dazu bedarf es aber ärztlicher Unterstützung und
Beratung, damit Pädagogen wissen, dass das provozierend wirkende und
störende Verhalten vieler junger Menschen mit ADHS auf die Krankheit
zurückzuführen ist. Nur aus dieser Erkenntnis heraus lassen sich dann
gemeinsam - dem Störungsbild angepasste - Lernbedingungen für
Betroffene entwickeln. Wichtig ist dabei, klar strukturierte und
überschaubare Aufgaben im Unterricht zu erhalten. So sollte zum
Beispiel in der Grundschule speziell für ADHS-betroffene Schüler ein
Aufgabenblatt so gefaltet werden, dass nur die gerade zu bearbeitende
Aufgabe zu lesen ist.

Doch auch Schülerinnen und Schüler mit chronischen Krankheiten wie
Asthma, Allergien oder Diabetes sowie mit psychosomatischen Störungen
oder psychischen Auffälligkeiten bedürfen heute besonderer Fürsorge,
wie die Erfahrungen mit Schulsprechstunden des Kinder- und
Jugendgesundheitsdienstes (KJGD) Münster zeigen. Dort meiden 70
Prozent aller Haupt- und Realschüler jeglichen ärztlichen Kontakt aus
Scham und Sorge vor dem Bekanntwerden ihrer gesundheitlichen Probleme
- auch vor den eigenen Eltern.

Genau daran hat nun das Münsteraner Modellprojekt "Ärztliche
Sprechstunden im Lebensraum Schule" angesetzt. So sind insgesamt
6.165 Jugendliche an sechs Haupt- und vier Realschulen von Fachärzten
des KJGD zwei Jahre lang in der Schule untersucht worden. Dabei
wurden die Eltern nicht einbezogen und personenbezogene Daten nicht
weitergeleitet. Der Erfolg dieses niedrigschwelligen Angebotes
stellte sich schnell ein. 23, 5 Prozent der untersuchten 6.165
Schüler waren bereit gewesen, sich auf Empfehlung der Schulärzte zum
niedergelassenen Arzt überweisen zu lassen. Ohne die
Schulsprechstunde hätten diese 1.451 Schüler den fälligen Schritt hin
zu einem Arzt, zu einem Psychologen oder hin zur Jugendhilfe kaum
unternommen.

Ulrike Horacek und die DGSPJ halten es nun für unerlässlich, aus
diesen Erfahrungen heraus diese Handlungsschritte zügig politisch
umzusetzen:

- Einführung von Schul- und Betriebsärzten und Schulsprechstunden
an allen Schulen - zumindest ab der Sekundarstufe. Bewährt haben
sich dabei solche Modellansätze wie über das Gesundheitsamt
Münster oder auch das Projekt "Medi-Päds" in Westfalen-Lippe.
Dort versuchen Arzt-Lehrer-Teams Gesundheitsbewusstsein zu einem
"Leitbild" für die Schule zu machen.

- Aufhebung der Vollzugsdefizite, die die meisten
Gesundheitsdienstgesetze der Länder hinterlassen. Ein
systematischer und ganzheitlicher Ansatz fehlt vor allem
deshalb, weil die Ländergesetze unterschiedlich gestrickt sind
und auch die Schul- und Bildungsträger unterschiedliche
Vorstellungen haben. Diese müssen dringend angeglichen werden.

- Erweiterung des Mandates des häufig nur bei der Einschulung
tätigen "Schularztes" hin zu einem dauerhaft vorhandenen
"Betriebsarzt" an Schulen. Dazu gehört unter anderem dann
auch die Beratung über Hygiene und Krankheiten, das Einfordern
von Qualitätsstandards für die Gemeinschaftsverpflegung sowie
die Unfall- und die Suchtprävention.

Um all dies auch umzusetzen, müsse der "schulärztliche Dienst"
dann aber in einen strukturell und finanziell tragfähigen
"schulbetriebsärtzlichen Dienst" dauerhaft umgewandelt werden,
fordert Horacek abschließend. Dazu seien aber zielgerichtete
Investitionen erforderlich, die von allen Beteiligten nun vehement
eingefordert werden müssten.

Originaltext: Dt. Ges. f. Sozialpäd. und Jugendmedizin
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Pressekontakt:
Dr. med. Ulrike Horacek
Kurt-Schumacher-Allee 1
45657 Recklinghausen
E-Mail: u.horacek@kreis-recklinghausen.de